Peter Voigt

Knabenjahre, Jugend im Hitlerreich

DDR 1989 / 35mm / 68 min / color
Buch: Christian Lehmann, Peter Voigt
Regie: Peter Voigt, Kamera: Christian Lehmann; Schnitt: Udo Cott, Peter Voigt; Ton: Eberhard Schwarz; Musik nach Motiven von: Carl Orff; Fachberatung: Christlieb Hirte, Hans-Dieter Schmidt, Produktionsleitung: Mathias Remmert, Redaktion: Carmen Bärwaldt, Produzent: Walter Heynowski, Gerhard Scheumann, Defa Studio für Dokumentarfilme


Knabenjahre-1_400Der Regisseur Peter Voigt (Jahrgang 1933) befragt Männer seiner Generation - einen Pfarrer, einen Hauptabteilungsleiter, einen Psychologen und einen Bühnenbildner - nach ihrer Erziehung im "Dritten Reich".

Er befragt sie nach ihren Erlebnissen und Erinnerungen. In den Gesprächen konfrontiert Voigt die jeweils Befragten mit seinen eigenen Kindheitserfahrungen. Zum didaktischen Konzept des Films gehört, daß alle wichtigen Begriffe nach jedem Gespräch in einem Schriftbild wiederholt werden: "Deutscher Wald", "Wir sind anders", "Fremdarbeiter", "Latentes Wissen", "Todeskommando", "Hochrot Silbergrau Arisch", "Ledergeruch", "Vermutlich ein Jude", "Angst", "Elfenreigen".

P.V. :  „Vor allem eins, mein Kind, /  Sei treu und wahr. /  Lass nie die Lüge deinen Mund entweihn. / Der höchste Ruhm im deutschen Volke war – im ‚deutschen Volke’ - /  Von alters her, getreu und wahr zu sein.“ Gedichte dieser Art habe ich nicht gemocht. Weil sie einen Anspruch erhoben, der sich mit dem Begriff „deutsch“ verband : Ich sollte ein „deutscher Junge“ sein, ein „deutscher Junge“ weint nicht, ein „deutscher Junge“ tut viele normale Sachen nicht. Was hat es für Sie bedeutet, „ein Deutscher“ zu sein ?

v.H. :  Welch ein Glück des Schicksals, nicht in Afrika oder Australien geboren zu sein - welche Bevorzugung, als Deutscher geboren zu sein ! Das war das Gefühl, ganz unreflektiert : Ein „Deutscher“ zu sein, das bedeutet etwas; der „deutsche Wald“, der besonders gepflegt und besonders schön ist; „Deutschland, heilig Vaterland“, „Drittes Reich“, die Zahl Drei ist ja eine Heilige Zahl derVollkomenheit, „Das Tausenjährige Reich“, und dazu zu gehören - ! In der Schule und in der Hitlerjugend wurde das vermittelt, und ich glaube, ich habe das kritiklos übernommen und emotional gelebt. „Ein Deutscher ist tapfer. Ein Deutscher klagt nicht und ist bereit, für das Vaterland sein But herzugeben.“ Was das wirklich bedeutet, war mir nicht klar, aber die Formel war mir geläufig.      

P.V. :  In unseren Schulbüchern gab es Vorbilder. Und das Bemerkenswerte daran: Die Vorbilder empfahlen sich nicht durch ihr Leben – das Vorbildliche war die Art ihres Sterbens.

H-D.S. :  Ja. Solche Vorbilder gab es sehr viele. Zum Beispiel die Nibelungen-Sage : die Nibelungen-Treue – und der Tod. Auch die meisten meiner Vorbilder waren von dieser Art. Ich erinnere mich an die Bilder, die ich an die Wand meines Zimmers gehängt hatte. Zum Beispiel : ein U-Boot-Kapitän aus dem Ersten Weltkrieg, v. Weddingen, der gefallen war; oder : Prien, auch U-Boot-Kapitän; dann: Mölders . . .

P.V. :  Alles Tote.

H-D.S. :  Alles Tote.

P.V.  Vorbild-Tote.

H-D.s. :  Vorbild-Tote.


Peter Voigts „Talkshow ohne Show“ ist ein gelungenes soziologisches und filmisches Experiment, lenkt es die Aufmerksamkeit doch auf das geheime Nachwirken scheinbar bewältigter Vergangenheit. Ob seiner ungewöhnlichen Form diskutiert („was hat das gut beheizte Aquarium mit dem Thema zu tun?“), könnte es dem Dokumentarfilm Impulse vermitteln, sich nicht nur auf die Straße zu begeben, sondern eine Reise ins Innere, in den versteckten Spiegelsaal unseres Bewußtseins, anzutreten.  /  Hans-Jörg Rother, Film & Fernsehen.
 


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