"Frühlingserwachen", Peter Voigt 2002

Frühlingserwachen

Ein Knabe von elf Jahren betrat mit seinem Vater einen Apothekerladen. Heil Hitler grüßte er, hell und klar, wie es üblich war im deutschen Alltag, doch niemand beantwortete seinen Gruß, und der Vater verwies ihn: Das sagt man jetzt nicht mehr. – April 1945, von da an begannen die Nachkriegsjahre unter Kontrolle der westalliierten Militärbehörde.

Peter Voigt berichtet davon aus eigenem Erleben – Existenzzwänge und Freiheiten jener Nachkriegs- und Nachnazizeit in der ausgebrannten Stadt Braunschweig, im Verständnis eines Schuljungen. (Dass es Braunschweig war, ist zufällig; es hätte ebensogut Bamberg oder Bremen sein können.)
Der Autor befragt niemanden sonst in dieser Stadt, keine Umfragen. Die Erinnerung an seine Jugendjahre langt ihm zu: konkrete Episoden, lakonisch genau – die Wahrnehmungen eines jungen Gemüts, offen für jede Begegnung auf einem chaotischen Feld nach dem Inferno.

Die Bilder zeigen die Orte der Episoden, im heutigen Zustand – das Stadtviertel mit den alten Häusern und mit solchen, die damals noch nicht gebaut waren, der Luftschutzbunker, das stolze Gymnasium, damals noch bombenverwüstet, die restaurierten gotischen Fassaden. Kulissen der Erinnerung, aufgenommen von Christian Lehmann in der Morgenfrühe, wenn die Straßen und Plätze menschenleer und unheimlich sind.
Hunger, Kälte und Totschlag, Dachau, Hinrichtungen durch den Strang und Nazigeist, der nicht vergehen will: Meldungen aus der örtlichen Zeitung jener Tage, die den arglosen Jugenderinnerungen einen schaurigen Hintergrund geben.

Das alles liegt mehr als fünfzig Jahre zurück. Die Kamera sieht auf dem Altstadtmarkt den Leuten zu, zwischen den Verkaufsständen, mit jungen Frühlingszweigen.
Der Nachkrieg währte bis zur Währungsreform, Juni 48. Mit dem neuen Geld, der D-Mark, war diese Zeitspanne zuende; „perdu, storniert“, wie sich der Autor erinnert.

Deutschland 2002 / 45 Min. / Beta SP / color
Buch: Peter Voigt
Regie: Peter Voigt, Sebastian Eschenbach,
Kamera: Christian Lehmann
Schnitt: Bernhard Sehne
Sprecher: Bastienne Voss, Jürgen Holtz,
Produktionsleitung: Viola von Liebig, Annette Rupp
Redaktion: Knut Weinrich, Co-Produktion mit der Filmförderung des NDR in Niedersachsen.